
Kritische
Anmerkungen
zu den 'Standards of Care'
von
Lea
Nachdem die "Standards" nun seit etwa
einem Jahr angewandt werden, stellt sich für uns Betroffene immer
mehr heraus, daß diese Festschreibung der Behandlungsstrategie
auch viele Nachteile mit sich führt.
Im Gegensatz zu den USA, wo die Standards aufgrund einer anders strukturierten
Ärzteschaft durchaus Sinn machen, liegt die Behandlung von Transsexuellen
in Deutschland in fast allen Fällen in der Hand von hochgradig
qualifizierten Ärzten, die meist viel Erfahrung auf diesem Fachbereich
haben. Viele dieser Ärzte sind auch als anerkannte Gerichtsgutachter
tätig. Bisher konnte der Arzt zusammen mit dem Patienten individuelle
Lösungen erarbeiten. Dabei mußten nicht immer bestimmte Behandlungsmuster
oder Fristen eingehalten werden, speziell wenn ein Fall für den
Arzt eindeutig war.
In der Praxis haben die Standards of Care Auswirkungen, die wir nicht
für sinvoll halten:
- Eine Psychotherapie ist zwangsweise nötig.
- Der Therapeut sollte den Patienten ein Jahr betreuen, bevor er
erste Maßnahmen einleitet, die Gesamtbehandlungsdauer erhöht
sich so auf mindestens zwei Jahre.
- Der Patient sollte mindestens 18 Jahre alt sein.
- Der Patient gerät in einen Automatismus. Nach individuellen
Lösungen wird kaum noch gesucht.
- Eigenverantwortliches Handeln der Patienten ist kaum noch möglich.
- Betroffene werden unfreiwillig zu medizinischen / psychologischen
Testpersonen. Diese Tests dienen nur der Forschung, nicht der Behandlung
der Betroffenen.
Die "Standards" sind zwar nicht rechtlich bindend, das heißt
ein Arzt muß sie nicht unbedingt befolgen. Da er jedoch bei einer
Fehldiagnose ein höheres Risiko eingeht, später belangt zu
werden, finden sich kaum noch Ärzte, die bereit sind, von diesem
Weg abzuweichen. Zudem verlangen die Krankenkassen bzw. der Medizinische
Dienst der Krankenkassen immer öfter eine Behandlung nach den "Standards
of Care" und lehnen andernfalls die Kostenübernahme für
einzelne Behandlungsschritte ab. Daß die Kosten der Behandlung
durch die "Standards" wesentlich erhöht werden, scheint
die Kassen dabei nicht zu stören.
Mittlerweile wächst die Zahl der Kritiker an den "Standards"
auch unter der Ärzteschaft und eine Überarbeitung ist geplant.
Schön wäre es, wenn diesmal auch Betroffene gehört würden.
Schließlich geht es ja um ihr Leben.Wünschenswert wäre
es zum Beispiel, den Kontakt zwischen Selbsthilfegruppen und Ärzteschaft
auszubauen. Der Besuch einer Selbsthilfegruppe bringt für die meisten
Betroffenen wesentlich mehr als eine jahrelange Psychotherapie. Nur
andere Betroffene können wirklich verstehen, was in einem transsexuellen
Menschen vorgeht, Ärzte können dies höchstens akzeptieren.
Das mittlerweile wirklich erstklassige Fachwissen dieser Gruppen wird
von den Fachleuten bisher leider nicht genutzt.
Helma Katrin Alter schrieb in einem Kommentar zu den Standards: "Es
entsteht der Eindruck, daß 'Pfründe' verteilt werden und
über die Köpfe der Betroffenen entschieden wird (wir wissen
schon, was gut für Euch ist). In den meisten Fällen steckt
dahinter jedoch die Unsicherheit, ein Phänomen, die Transsexualität,
nicht erklären zu können. Natürlich ist Forschung wichtig.
Sie darf aber weder zu vorschnellen Lösungen führen noch die
Behandlung der derzeit betroffenen Menschen verzögern. Ärzte
und Psychologen, die sich an der Forschung beteiligen, dürfen den
Betroffenen in keinem Fall darüber im Unklaren lassen, welche Maßnahmen
der Forschung dienen und welche der Begutachtung oder Behandlung. Der /
die Patientin muß das Recht haben, Maßnahmen der Forschung
zurück zu weisen, wenn diese den persönlichen Prozeß
zeitlich verzögern oder er / sie sich dadurch seelisch verunsichert
fühlt."
Lea
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by Sarah
10.02.2000 © VIVA TS Selbsthilfe