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MzF-SymbolMzF-SymbolWas bedeutet eigentlich
'Differentialdiagnose' ?

 

"Geschlechtsidentitätsstörungen, Entwicklungspsychologische,
diagnostische und therapeutische Aspekte"

Diesen Titel trug ein Vortrag, der im Jahr 1996 von dem Sexualmediziner und Kinderarzt Dr. med. Hartmut Bosinski aus Kiel gehalten wurde. Als eigentliches Thema stellte sich schnell der Bereich 'Diagnose und Differentialdiagnostik bei Transsexuellen' heraus. Der Begriff 'Differentialdiagnose' bedeutet, daß eine Diagnose durch Ausschluß aller anderen möglichen Krankheitsbilder gestellt wird. Diese Art der Diagnostik wird unter anderem bei der Begutachtung Transsexueller angewandt.

 

DIFFERENTIALDIAGNOSTISCHE AUSSCHLUSSKRITERIEN

Nach Dr. Bosinski werden in der Hauptsache folgende Störungen abgegrenzt:

  1. Intersexualität und andere körperliche Störungen
    Dieser Personenkreis fällt nicht unter das Transsexuellengesetz und muß daher differentialdiagnostisch abgegrenzt werden. Von Intersexualität spricht man bei Geschlechtsidentitätsstörungen, die durch körperliche Ursachen hervorgerufen werden. Hierunter fallen unter anderem hormonelle, chromosonale und genetische Störungen, Hermaphrodismus und ähnliches.

  2. Passagere Geschlechtsidentitätsstörungen
    Dabei handelt es sich um eine vorübergehende, teilweise sehr starke Identifikation mit dem anderen Geschlecht. Passagere Geschlechtsidentitätsstörungen können sowohl während der Pubertät als auch bei Krankheitsbildern mit vorübergehenden Störungen psychosexueller Identität, wie beispielsweise dem Borderline-Syndrom, vorkommen.

  3. Nichttranssexuelle Geschlechtsidentitätsstörungen
    Darunter fallen zum Beispiel homosexuelle Frauen und Männer, die ihre Homosexualität nicht akzeptieren können und sich unbewußt in den vermeintlichen Ausweg der Transsexualität flüchten, um ihre Homosexualität ausleben zu können.

  4. Psychosen mit Verkennung der eigenen Geschlechtswirklichkeit
    Darunter versteht man Personen, die der Ansicht sind, sowohl psychisch als auch physisch dem anderen Geschlecht anzugehören, sich also – im Gegensatz zu Transsexuellen – der Diskrepanz zwischen dem angeborenen Geschlecht und der erlebten Geschlechtsidentität nicht bewußt sind, wie auch schizophrene Patienten oder wahnhafte Erkrankungen.

 

PSYCHOTHERAPEUTISCHE BEHANDLUNG

Beim Thema 'Psychotherapeutische Behandlung' betonte Dr. Bosinski, daß diese ergebnisneutral sein müsse, also weder eine Operation noch die Versöhnung mit dem eigenen körperlichen Geschlecht zum Ziel haben dürfe. Außerdem dürfe die Therapie nie als Alternative zur Operation gesehen werden. In einer Art 'Therapeutischem Bündnis' zwischen Therapeut und Patient sollte vielmehr festgestellt werden, was nötig bzw. möglich ist.

Als wichtige Leitlinien für Therapeuten sprach der Redner davon, Sexualität thematisierbar zu machen und alle Patienten ernst zu nehmen. Nicht zu unterschätzen sei die Gefahr einer unkritischen Überidentifikation. Weiterhin sei es auch Aufgabe einer Therapie, festzustellen, inwieweit ein Leidensdruck vorhanden ist und ob dieser durch eine anpassende Operation gemindert werden kann.

 

ALLTAGSTEST

Der Alltagstest nimmt für Dr. Bosinski eine Schlüsselrolle ein. Er betonte, dies sei nicht als 'Schikane' des Gutachters dem Patienten gegenüber gedacht. Transsexuelle hätten hier die Chance, auszuloten, ob ihre Vorstellungen zu verwirklichen sind.

Der Alltagstest sollte unbedingt vor hormonellen oder chirurgischen Maßnahmen einsetzen, da diese in der Regel nicht rückgängig zu machen sind. Eine andere Vorgehensweise sei als 'Kunstfehler' anzusehen.

Zugleich beklagte er, daß viele Transsexuelle zu einem Alltagstest vor Beginn einer hormonellen Therapie nicht bereit wären, obwohl doch kein Mensch sähe, " …ob die Bluse nun ausgestopft oder der Busen echt ist." Auch führe der Druck, der bewußt oder unbewußt in vielen Selbsthilfegruppen auf Unentschlossene ausgeübt werde, oft zu übereilten Entschlüssen.

 

FAMILIÄRE SITUATION

In der folgenden Diskussion sprach Dr. Bosinski auch über die familiäre Situation seiner transsexuellen Patienten. Bei vielen Patienten wären in den ersten drei Lebensjahren – der Phase der Separation und Identifikation – Mutter-Kind-Störungen schwerster Art vorgefallen. Weiter wäre bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen eine Gruppe besonders herausgestochen; die Mann-zu-Frau-Transsexuellen ließen sich grob in zwei Gruppen unterteilen:

Frau-zu-Mann:

  • Fehlen bzw. früher Verlust der Vaterfigur
  • maskuline Kindheit
  • Tom-Boy-Verhalten
  • körperliches Wohlfühlen in der Jungenrolle
  • Ablehnung der pubertären Entwicklung
  • oftmals hohe Androgenwerte

Mann-zu-Frau, Gruppe 1

  • Früher Störungsbeginn
  • Frühe Vorstellung bei Gutachtern oder Therapeuten, im Mittel mit 21 Jahren
  • Tochterwunsch der Mütter
  • abwesende Vaterfigur
  • Mütter, die dem effeminierten Verhalten ihres Sohnes keinen Widerstand entgegensetzten oder ihn sogar unterstützten
  • Frühes Cross-Dressing
  • eine androphile, also auf Männer fixierte Partnerwahl

Mann-zu-Frau, Gruppe 2

  • Störungsbeginn in der Pubertät
  • Vorstellung bei Gutachtern oder Therapeuten durchschnittlich im Alter von 32 Jahren
  • heimliches Cross-Dressing-Verhalten
  • brutales Verhalten des Vaters
  • gynäphile, also auf Frauen fixierte Partnerorientierung

 

FAZIT

Dr. Bosinski präsentierte sich als kompetenter, erfahrener und auch pragmatischer Psychiater, der wohl durchaus die tatsächlichen Ängste und Nöte Transsexueller nachvollziehen kann. Dies betrifft jedoch nur den Vortragenden Bosinski. Über den Gutachter Bosinski können wir an dieser Stelle keine Aussage machen.

von Sarah
übernommen aus dem VIVATISSIMUS 4/96 Transvestismus

Site by Sarah
10.02.2000 © VIVA TS Selbsthilfe
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