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Intersexualität

Wenn der Körper nicht ins Schema "männlich/weiblich" paßt

 

Das Lexikon definiert Intersex als "Individuum mit (krankhafter) Mischung männlicher und weiblicher Merkmale [...]". Nimmt man diese Definition wörtlich, so gehören auch Transsexuelle zu dieser Gruppe, wobei mich das Wort "krankhaft" stört.

Hier soll es aber mal um diejenigen gehen, die man üblicherweise mit dem Begriff "Intersex" bezeichnet, also Menschen, die von Geburt an eine Mischung männlicher und weiblicher körperlicher Merkmale aufweisen. Im weiteren Sinn bezeichnet man auch Personen mit uneindeutig ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen als intersexuell.

Das kommt viel öfter vor, als man denkt. Manche Schätzungen sprechen von bis zu vier Prozent aller Lebendgeburten. Rund 0,1 bis 0,2 Prozent werden chirurgisch behandelt. Zum Leidwesen der Betroffenen wird das Thema von den meisten Eltern und Ärzten tabuisiert, so dass die breite Öffentlichkeit nichts davon weiß.

"Sind wir denn krank, oder macht uns nicht erst unsere Umwelt krank?"

In den meisten Ländern, so auch in Deutschland, ist es etablierte medizinische Praxis, dass die Ärzte in Zweifelsfällen das Geschlecht kurz nach der Geburt einfach festlegen, oft ohne die Eltern vollständig aufzuklären. Was diesem festgelegten Geschlecht nicht entspricht, wird chirurgisch "korrigiert". Das geschieht durchaus in bester Absicht, da man annimmt, dass unbehandelte Intersexualität zu sozialer Ausgrenzung, Depressionen, Traumata und Selbstmord führt. Um diese Probleme möglichst zu vermeiden muss demnach möglichst früh operativ für eindeutige Verhältnisse gesorgt werden.

 

Joan / John

Die Ärzte, die diese Ansicht vertreten, berufen sich auf die These, dass die menschliche Psyche bei der Geburt geschlechtsneutral sei und erst durch die Erziehung eine Geschlechterrolle annehme. Prominentester Beleg für diese These war John, ein Junge, der im Alter von sieben Monaten durch einen Behandlungsfehler seinen Penis verlor. Nach einigen Diskussionen beschlossen die Eltern und Ärzte, das Kind als Mädchen (Joan) aufzuziehen und chirurgisch entsprechend anzugleichen. Diese "erfolgreiche" Behandlung fand auch Eingang in die medizinischen Lehrbücher.

"Wir Transsexuellen können die Leiden von Joan/John und den vielen intersexuellen Kindern, denen ärztlicherseits ein nicht zur Seele passendes Geschlecht zugewiesen wurde, nachvollziehen." Leider hat sich immer noch nicht überall in der Ärzteschaft herumgesprochen, dass Joan heftig gegen diese Geschlechtszuweisung rebellierte (zunächst ohne zu wissen, was mit ihr wirklich los war), und im Alter von 16 Jahren schließlich wieder John wurde. Auch das Phänomen Transsexualität widerlegt durch seine Existenz diese Theorie – es sei denn, man nimmt an, dass Transsexualität erst durch die Erziehung "gemacht" würde.

Übrigens werden die meisten Intersexuellen dem weiblichen Geschlecht zugewiesen. Nicht etwa, weil sie psychisch eher weiblich wären, sondern wegen der chirurgischen Machbarkeit – "it’s easier to make a hole than to build a pole".

 

Widerstand

Lange haben sich die Intersexuellen ihrem Schicksal und dem Urteil der "Halbgötter in Weiß" ergeben, doch mittlerweile begehren sie mehr und mehr auf und fordern eine andere, menschenwürdigere Behandlungsweise. Sie fordern, dass die Intersexualität nicht mehr tabuisiert wird.

"Wenn jemand keinen chirurgischen Eingriff will, so sollen die Ärzte das akzeptieren."

Betroffene Eltern und Kinder sollen vielmehr offen aufgeklärt werden. Der Gefahr, dass die Kinder dadurch sozial ausgegrenzt und traumatisiert werden, wollen sie durch Aufklärung der Bevölkerung entgegenwirken. Sie weisen auch darauf hin, dass man ja gar nicht weiß, ob diese Ausgrenzung tatsächlich eintreten würde, schließlich hat man es ja gar nicht probiert. Außerdem führe gerade die jetzige Vorgehensweise, mit den für das Kind oft sehr peinlichen Untersuchungen, der Tabuisierung usw. zu genau den Traumata und Depressionen, die eigentlich damit verhindert werden sollen.

Vor der Pubertät sollten keine chirurgischen und andere unumkehrbare Maßnahmen durchgeführt werden. Es sollte vielmehr abgewartet werden, bis das Kind selbst ein stabiles Bewußtsein seiner sexuellen Identität erlangt hat und frei entscheiden kann, ob und welche chirurgischen Korrekturen es wünscht.

Mittlerweile haben auch einige Ärzte erkannt, dass die etablierte Umgangsweise mit Intersexuellen nicht den Patienten dient, sondern mehr einer veralteten gesellschaftlichen Vorstellung, die zwei eindeutige Geschlechter kennt, und nichts dazwischen. Einem intersexuellen Neugeboren kann man nur wünschen, dass es an einen solchen Arzt gerät. Bislang ist seine Chance aber noch sehr gering

 

Fazit

Es steht zu hoffen, dass Intersexualität eines Tages genauso selbstverständlich ist wie andere Formen der sexuellen Identität, und dass dann operative Korrekturen nur noch auf ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen geschehen, nicht um in ein Zwangsschema "männlich-weiblich" zu passen, sondern weil sie sich so fühlen – oder auch nicht. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg.

Martina

 

Internetadressen

Weiterführende Informationen kann man z.B. auf den Internetseiten der folgenden Gruppen finden:

Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG):
http://home.t-online.dehome/aggpg/index.htm

The Intersex Society of North America (ISNA):
http://www.isna.org/

Intersex Voices:http://www.sonic.net/~cisae/

 

Bücher

Eine umfassende Bücherliste findet sich auf der oben aufgelisteten Homepage der AGGPG.

Wir haben für die VIVA-Bibliothek folgende Bücher angeschafft, die von uns auch ausgeliehen werden können. Eine Besprechung findet Ihr in einem der nächsten Hefte.



Anne Fausto-Sterling:
"Sexing the Body. Gender Politics and the Construction of Sexuality."
Basic Books , New York 2000



John Colapinto:
"Der Junge, der als Mädchen aufwuchs."
Walter/Patmos, Düsseld. 2000
Site by Sarah
11.06.2001 © VIVA TS Selbsthilfe
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