Impressionen
einer Brust- und Unterleibs- OP
oder:
Stoßdämpfer? - NEIN DANKE!
VORGESCHICHTE
An meinem letzten Arbeitstag schufte ich wie besessen, damit man mir
ja nichts Schlechtes nachsagen kann, sollte ich die OP nicht überleben.
Schon wieder überkommt mich dieser schwachsinnige Gedanke, obwohl
ich eigentlich überhaupt keine Angst davor habe, daß ich
morgen im Krankenhaus einrücken muß. Ganz im Gegenteil, denn
ich habe mit dem Arzt eine Operation vereinbart, die ich seit nunmehr
zwanzig Jahren sehnsüchtig herbeisehne. Damals gewöhnte ich
mir diesen buckligen "Quasimodo"- Gang an (bei dem die Schultern nach
vorne hängen), denn ich wollte unbedingt diese beiden Fremdkörper
verbergen, die auf einmal auf meinem Oberkörper wuchsen und die
andere Menschen dazu brachten, mich als "Frau" zu identifizieren. Diese
biologisch gegebene Tatsache hatte ich zuvor erfolgreich durch Haarschnitt
und Kleidung immer gut verbergen können. Als alle Versuche fehlschlugen,
das Wachstum dieser ungeliebten Dinger zu stoppen (ich schlief beispielsweise
auf dem Bauch- erfolglos), wußte ich: dem Problem kann man nur
mit einem scharfen Messer abhelfen.
Leider mußte ich mich noch viele Jahre mit der Misere abfinden,
bis ich endlich die nötigen Informationen zum Thema TS bekam.
Nun ist es endlich soweit und immer wieder kommt mir so ein blöder
Gedanke, daß bei der OP etwas schiefgeht und ich den "großen
Triumph" über meinen Körper nicht mehr erleben werde. Man
bedenke all den vorausgegangenen Aufwand: Outing bei Eltern, Freunden
und im Büro. Therapie, Alltagstest, Gutachten und auch die Gerichtskosten
für die Namensänderung habe ich schon bezahlt – das alles
soll umsonst gewesen sein? "Hoffentlich schreiben sie wenigstens den
richtigen Namen auf meinen Grabstein" denke ich gerade, als ich eine
Karte auf meinem Schreibtisch finde, auf der mir meine Kollegen viel
Glück wünschen und das läßt mich meine Bedenken
erst mal wieder vergessen.
Als mich eine Kollegin zum Abschied herzlich umarmt, wird mir die Dringlichkeit
meiner Operation wieder bewußt, denn als sich unsere Oberkörper
berühren zucke ich (wie immer) zurück, denn die verdammten
"Stoß-dämpfer" haben mich schon immer vor nett gemeinten
Gesten mit Körperkontakt zurückschrecken lassen.
ES GEHT LOS
Pünktlich am nächsten Morgen melde ich mich auf der Station,
fülle die Aufnahmepapiere aus und gehe auf mein zugewiesenes Zimmer.
Als ich mich meinen Zimmergenossen vorstelle, bin ich froh, daß
sie meinen Oberkörper nicht näher betrachten und warte dann
auf den Narkosearzt, dem ich noch ein paar Fragen beantworten muß
(beim Rauchen und Trinken unbedingt immer ehrlich sein!). Am Nachmittag
reicht mir die Schwester dann drei Flaschen "Gesundbrunnen", die Salzlösung,
die auch so schmeckt wie sie heißt zur Darmentleerung und -reinigung
dient und mich veranlaßt, meine Spaziergänge von einer Toilette
zur nächsten zu lenken.
Am nächsten Morgen habe ich keine Zeit, mir Sorgen zu machen,
denn ich habe nur 10 Minuten Zeit, um mich zu waschen und das "Flügelhemd"
anzuziehen. Schon schiebt man mich samt Bett in den Aufzug, wo bereits
das Beruhigungs- und Schlafmittel zu wirken beginnt. Mein letzter Eindruck
ist, wie man meinen Kopf mit einer Schutzhaube bedeckt, durch eine Art
Fenster in den OP hebt, wo ich auch noch einen Blick auf die Beleuchtungslampen
des OP-Tisches werfen kann und dann ... totaler Filmriß.
DAS ERWACHEN
Als ich im Aufwachraum erstmals die Augen öffne, erkenne ich einen
(weiblichen) Engel, der mir versichert, daß alles gut gegangen
ist (nach kurzem Nachdenken komme ich zu dem Schluß, daß
es doch kein Engel, sondern eine der Schwestern ist), doch ich bin zu
schwach um darauf zu reagieren (fühle mich aber wohl). Während
der Nacht nehme ich immer noch "angeschlagen" zur Kenntnis, wie mir
in regelmäßigen Abständen der Blutdruck gemessen wird
und Infusionen gewechselt werden, doch ich will einfach nur schlafen,
schlafen....
Bei der Morgenwäsche kommt dann der erste Bodycheck: um meinen
(flachen!) Brustkorb spannt sich ein enger Gurt, unter jeder Achsel
kommt ein Blutschlauch aus der Haut, zwischen den Beinen ruht ein kleiner
Sandsack und ich trage außer dem Flügelhemd eine Netzunterhose
mit Windel sowie die üblichen weißen Stützstrümpfe.
Schmerzen habe ich keine, bis ich versuche meine Arme zu heben, was
kaum möglich ist. Als ich den Pfleger darauf anspreche, meint er,
daß man mir diese vielleicht während der OP festgeschnallt
hatte. Ich behandle diese muskelkater-ähnlichen Schmerzen mit einer
Salbe und bekomme weiterhin ein Spray gegen mein Halsweh, was offenbar
durch den Narkoseschlauch kommt. Eigentlich gar keine schlechte Schmerzbilanz,
wenn man bedenkt, daß mir am Vortag Brust, Gebärmutter, Eierstöcke
und Scheide entfernt und dabei gleich die Harnröhre ein Stück
vorverlegt wurde.
BESTANDSAUFNAHME
Beim Verbandswechsel kann ich sehen, daß die Nähte nur um
die Brustwarzen verlaufen, die schwarz verkrustet sind und sich wie
das ganze Umfeld seltsam taub anfühlen. An den Seiten des Brustkorbes
haben sich Hämatome gebildet, eine der negativen Begleiterscheinungen,
auf die man sich fast immer bei blutenden Operationen einstellen kann.
Im Lendenbereich finden sich nur links und rechts winzige Nähte,
die darauf hinweisen, daß hier ein Schnitt für die Oper-ationswerkzeuge
gemacht wurde und auch am Bauchnabel hängt ein Fädchen, wo
das Sichtgerät (Endoskop) eingeführt wurde, um den OP-Verlauf
zu überwachen.
BETTRUHE
Am schlimmsten trifft mich das Blechschild über meinem Bett, was
mir fünf Tage BETTRUHE verordnet. Bis zum dritten Tag ist das auch
kein Problem für mich, da mein Darm ja leer war und ich anfangs
nur Tee, Brühe und dann schon mal einen Pudding erhalte. Nachdem
mir die Blutschläuche gezogen werden, will ich aber nun auch zur
Toilette gehen, wenn’s denn sein sollte, denn Bettpfannen sind mir ein
Greuel. Man(n) ist deshalb stur und nach erfolgloser Diskussion mit
der Schwester verweigere ich das angebotene Essen. Durch den endoskopischen
Eingriff im Unterleib habe ich offensichtlich eine Menge Luft im Bauch
und stundenlang unangenehme Blähungen, die erst nach einer Kanne
Fencheltee nachlassen. Am Abend nutze ich einen unbeaufsichtigten Moment
und torkle noch etwas benommen ins Badezimmer (nur nicht nach unten
schauen!). Am nächsten Tag "gestehe" ich meinen Ausflug während
der Arztvisite und darf wenigstens bei "dringenden Bedürfnissen"
aufstehen.
AUF EIGENEN BEINEN
Ab dem sechsten Tag darf ich "offiziell" aufstehen und zum Waschen
ins Bad bzw. zum Bidet gehen, was bei meiner stark angeschwollenen "Unter-partie"
(Arztwitz bei einer Visite: "bei der Schwellung brauchen Sie
ja gar keine Hodenimplantate mehr"- haha) eine Wohltat ist.
Die erste Dusche ist mindestens so gut wie ein Orgasmus und da ich
wegen mangelnder Bewegung der letzten Tage nachts kaum ein Auge zu gekriegt
habe, liege ich jetzt fast jede Nacht ab 2:00 Uhr wach und zähle
die Minuten, bis endlich jemand kurz vor 6:00 Uhr zum Wecken kommt und
ich in die Dusche flitze (o.k., wenn ich ehrlich bin, gehe ich eher
wie John Wayne, wenn er zwei Tage im Sattel gesessen ist). Da kann ich
auch die blöden Strümpfe und den nervigen Brustgurt eine Weile
loswerden und ich warte bis nach der Visite, bevor ich alles wieder
anlege. Der bereits während der Operation gelegte Blasenkatheter
bleibt mir dagegen zehn Tage, doch das ist eher angenehm, denn man kann
ihn überallhin mitnehmen und trinken so viel man will, ohne deshalb
nachts aufstehen zu müssen.
IM SPIEGEL
Als ich im Morgenmantel mit dem Aufzug meinen ersten Ausflug ins Kaffee
unternehme, sehe ich erstmals mein ganzes Spiegelbild in der Verglasung
und es dauert eine ganze Weile bis ich kapiert habe, daß der flachbrüstige
Typ da wirklich ICH bin. Es passiert mir in den folgenden Tagen immer
wieder, daß ich an keiner Glasscheibe ohne Kontrollblick auf meinen
Oberkörper vorbeikomme. Den "aufrechten" Gang werde ich wohl noch
lange üben müssen und es ist nach all den Jahren ungewohnt,
daß man jetzt ganz normal die "Brust" rausstrecken kann. Als mich
eine Freundin zum Abschied eines Besuches umarmt, möchte ich Sie
am liebsten gar nicht mehr loslassen (auch wenn sich der Brustbereich
natürlich noch taub anfühlt), denn der "Stoß-dämpfer-Test"
ist erfolgreich bestanden.
ENDLICH DAHEIM
Nach 18 Tagen stationärem Aufenthalt darf ich nach Hause und vermisse
anfangs den geregelten Tagesablauf und die Gespräche mit meinen
Zimmergefährten. Auch habe ich nun den Eindruck, daß der
Heilvorgang nicht mehr so schnell geht, wie im Krankenhaus, aber das
ist kein Wunder, denn wenn man sich wieder ganz selbst versorgen muß,
übernimmt man sich auch mal ganz schnell. Die elektrische Höhenverstellung
sowie den "Galgen" des Krankenbettes könnte ich daheim ebenfalls
noch gut gebrauchen.
Die dunklen Verkrustungen auf den Brustwarzen fallen sehr schnell ab,
aber die Blutergüsse an den Seiten halten sich hartnäckig.
Jetzt ist erst mal leichtes Training angesagt, denn größere
Anstrengungen fallen ziemlich schwer.
Über die Krankschreibung von ganzen acht Wochen hatte ich mich
zuerst gewundert, aber nun sind sechs Wochen vorbei und ich glaube,
daß die Zeit durchaus nötig ist, um wieder ganz arbeitstauglich
zu werden. Im Bereich des Brustmuskels zieht es jetzt manchmal etwas
unangenehm, aber die Hautschichten brauchen wohl ihre Zeit, um wieder
zusammenzuwachsen.
SCHIEF GELAUFEN
Bei mir liegt die "Problemzone" momentan im "Intimbereich", denn da
zwickt und zwackt es immer noch und da hilft nur der Sprung ins Kamillenbad.
Verschuldet habe ich dieses Dilemma allerdings selbst, denn ich habe
beim OP-Vorgespräch zwar eine Scheidenentfernung mit Verschluß
verlangt, aber im gleichen Satz erwähnt, daß ich mir über
weitere Operationen, sprich Penisaufbau noch Bedenkzeit einräume.
Statt der von mir erwarteten, glatten Naht hinter der nach vorne verlegten
Klitoris, ließ man nämlich Haut-reste der kleinen Schamlippen
und der Scheidenhaut stehen (das ganze ist einfach nach außen
geklappt und zusammengenäht) und diese "Fleischwulst" behindert
momentan einfach beim Sitzen. Im Falle einer weiterführenden OP
können diese unschönen Lappen aber durchaus noch sinnvoll
"wiederverwendet" werden. Nach einigem Nachdenken bin ich über
dieses unerwartete Operationsergebnis gar nicht so unglücklich
und plage mich derzeit mit der schwierigen Frage, ob ich weiteren Operationen
gewachsen bin. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich mich
für die nächste OP sowohl physisch (Rückentraining),
als auch psychisch (? das sollte man eventuell mal seinen Therapeuten
fragen) viel besser vorbereiten muß.
FAZIT
Alles in allem bin ich sehr froh und dankbar, daß ich die erste
OP-Hürde gut und (fast) ohne Komplikationen überwunden habe
und bin erstaunt, wie schnell ich mich an das neue (Ober-) Körpergefühl
gewöhnt habe. Nach etwa einem halben Jahr wird sich dann auch entscheiden,
ob mein Ergebnis völlig zufriedenstellend ist oder einer Korrektur
bedarf.
Vincent
Site by Sarah
30.01.2000 © VIVA TS Selbsthilfe