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Aufklärungsbedarf
Wir haben uns mit der Journalistin Ute Laibl unterhalten, die für das
ZDF eine Sendung zum Thema Transsexualität gemacht hat.
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Wie sehen Sie generell den Umgang der Medien mit dem Thema Transsexualität? |
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Ute Laibl
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Bei den privaten Sendern habe ich einige Sendungen über mißlungene Operationen
gesehen. Was da gezeigt wurde, war ein reines Leidensbild. In einer Sendung wurde zum
Beispiel eine Frau-zu-Mann Operation gezeigt, bei der alles schiefgelaufen ist. Es gab
Komplikationen und Entzündungen. Die ganze Darstellung war so negativ, dass ich mir
damals dachte: "Wie schrecklich". An diese Bilder habe ich mich wieder erinnert,
als wir unsere eigene Sendung vorbereiteten. So sollte das Bild, das wir von transsexuellen
Menschen zeigen wollten, nicht sein. Denn bei dieser Darstellung konnte man nicht verstehen,
warum Menschen diese Tortour auf sich nehmen, wenn am Ende wieder nur Leid und Schmerz
steht.
In unserer Sendung "Mona Lisa" haben wir versucht, erst einmal objektiv zu
zeigen, dass die Medizin inzwischen gute Möglichkeiten unter anderem bei der Mann-zu-Frau-Operation
hat, um transsexuellen Menschen zu helfen. Wir wollten aber auch zeigen, dass diese Operationen
nicht das Allheilmittel schlechthin sind. In meinen Gesprächen mit Transsexuellen
habe ich eben auch mitbekommen, dass diese Operationen den Leidensdruck zwar zu einem
großen Teil nehmen können und die neue Geschlechtsidentität der Start
in ein neues Leben ist. Dieses gilt es aber mit allen Schwierigkeiten und Herausforderungen
zu meistern. Das zu zeigen war der Sinn der Sendung, und das ist uns, so denke ich, auch
ganz gut gelungen.
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Wie waren die Zuschauerreaktionen auf die Sendung? |
| Ute Laibl |
Betroffene, die vor einer Operation standen, riefen uns an, inwieweit wir die Operateure,
die sie sich ausgesucht hatten, als seriös einschätzten.
Ich habe da auch eine große Verunsicherung bei der Frage gespürt, in wessen
Hände man sein Schicksal legt. Das war für viele die zentrale Frage. Wir waren
in den Wochen nach der Sendung für viele eine Anlaufstelle. Mir wurde da klar, dass
es in diesem Bereich noch einen großen Informationsbedarf gibt. Wir konnten da natürlich
auch nicht immer weiterhelfen.
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Hatten Sie den Eindruck, daß die Anrufer schon Kontakt zu Selbsthilfegruppen
hatten? |
| Ute Laibl |
Komischerweise kannten zwar viele Anrufer die Namen der Gruppen, haben sich aber wohl
noch nicht dorthin gewandt. Das heißt, einige Zuschauer der Sendung haben erst einmal
uns angerufen, bevor sie sich an eine Selbsthilfegruppe gewandt haben. Das fand ich schon
erstaunlich.
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Sehen Sie die Sendung als Erfolg? Hätten Sie mehr Inhalt haben wollen? |
| Ute Laibl |
Man muß hier unterscheiden, an wen sich die Sendung gerichtet hat. Sie hat sich
nicht nur an Transsexuelle gerichtet, sondern auch an die Bevölkerung. Denn man darf
nicht unterschätzen, dass es hinsichtlich des Themas Transsexualität noch einen
großen Aufklärungsbedarf gibt. Da wird noch immer viel durcheinandergebracht.
Begriffe wie Transvestismus und Homosexualität werden da gerne in einen Topf geworfen.
Und was ist Transsexualität denn nun? Für uns selber war es da auch nicht ganz
einfach, von "Krankheit" oder "Identitätsstörung" zu sprechen.
Da gibt es unter den Transsexuellen selber verständlicherweise große Empfindlichkeiten.
Außerdem sind die Transsexuellen natürlich viel mehr Experten als wir es sein
konnten. Sie haben sich ja über die Jahre in die ganze Literatur eingelesen und kennen
alle Lehrmeinungen. Diese ganze Komplexität des Themas konnten wir natürlich
nicht darstellen.
In meinem Kolleginnen- und Bekanntenkreis habe ich aber, und das ist mir noch bei keiner
Sendung so ergangen, immer wieder diesen Satz gehört: "Oh, das wußte ich
alles gar nicht. Das war ja unglaublich interessant!". Anscheinend ist bei diesen
Thema, obwohl es in den letzten Jahren viel durch die Medien gegangen ist, ein großer
Aufklärungsbedarf vorhanden. Die Thematik wurde sehr positiv und mit viel Interesse
aufgenommen und wenn man das letztendlich mit so einer Sendung schafft, dann hat man schon
etwas erreicht.
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Wie sehen Sie die Berichterstattung über Transsexuelle im allgemeinen? Ist sie
zu voyeueristisch? |
| Ute Laibl |
Unser Wunsch war es, eben gerade nicht so zu berichten. Es hat dann auch fast zwei Monate
gedauert, eine Person zu finden, die das, was man als ihr Schicksal bezeichnen könnte,
mit unglaublicher Stärke und Entschlossenheit gemeistert hat. Wir wollten eine Person
finden, die gleichzeitig überzeugend und reflektiert den Schritt, sich einer geschlechtsangleichenden
Operation zu unterziehen, vermitteln konnte.
Fernsehen ist ja ein optisches Medium und der Zuschauer sieht als erstes die äußere
Erscheinung. Wenn das ein bißchen ins Lächerliche gerät, was ja leider
oft vorkommt, dann dient das sicher nicht der Sache. Die Laura, die wir in der Sendung
porträtiert hatten, war da sicher auch ein Glücksfall. Sie kam sehr sympathisch
rüber, und hat dann auch dementsprechend viel Fanpost erhalten, die wir auch weitergeleitet
haben. Die Reaktionen waren durchgängig sehr positiv, und es hat mich auch sehr gefreut,
dass sie sich für die Sache sehr gut präsentiert hat.
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Wie neutral sind Sie an die Berichterstattung herangegangen? |
| Ute Laibl |
Es gab am Anfang gewisse Berührungsängste. Das kam so, daß ich für
die Sendung eigentlich nicht vorgesehen war. Aber die Kollegin, die den Beitrag machen
sollte, mußte die Sendung abgeben. Sie hat mich angesprochen, ob ich das nicht übernehmen
möchte. Nach einem Gespräch mit der Chirurgin Dr. ChristianeSpehr war ich dann
sehr neugierig geworden. Die Vorgespräche waren sehr wichtig, denn als Redakteurin
muß man sich da selbst langsam an das Thema herantasten. Ich habe im Vorfeld sehr
viel gelesen und das ist auch sehr wichtig. Ich denke, nur so kann man die Sensibilität
für so ein komplexes Thema entwickeln.
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Ist das Thema "Transsexualität in den Medien" schon abgenutzt? |
| Ute Laibl |
Würde man ausschließlich die Zahl der Transsexuellen in Deutschland als Maßstab
nehmen, könnte man auch den Standpunkt vertreten, dass solche Sendungen nur eine
kleine Minderheit ansprechen. Aber das ist bei vielen Themen so. Es geht ja um etwas anderes:
Ein Problembewusstsein zu schaffen und damit auch Akzeptanz. Und vielleicht saßen
auch ein paar Menschen vor dem Fernseher, die bei sich diese Neigung oder wie auch immer
man dazu sagen soll, bemerkt haben, und die durch solche Menschen wie Laura endlich den
Mut fassen, sich zu sich selbst zu bekennen. Und dabei ist es eben ganz wichtig, wie die
portraitierte Personen da rüberkommen.
Wenn man nur Leute zeigt, die schrill und exotisch auftreten, ist das sicherlich nicht
dazu geeignet, Menschen Mut zu machen. Und das hat ganz viel damit zu tun, wie die Betroffenen
selber auftreten. Das hat viel mit Selbstbewußtsein zu tun. Wenn man es schafft,
zu sich zu stehen, von seinem Weg überzeugt ist, dann ist unsere Gesellschaft heute
schon viel aufgeschlossener als wir oft denken,
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Danke für das Interview! |
Das Interview führte Karin Willers
Site by Sarah
12.03.2000 © VIVA TS Selbsthilfe
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